Sonntag, März 04, 2007

Weswegen mir Konzerte immer weniger wichtig werden

Vor zwei Wochen haben Nouvelle Vague mal wieder in Hamburg gespielt, im Übel&Gefährlich im Bunker an der Feldstraße. E. und S. waren dabei, genauso wie ein paar Kollegen von E. Sehr angenehme Zusammenstellung von Leuten. Wir waren aber nicht die einzigen, das Konzert war ausverkauft. Nouvelle Vague könnten mittlerweile vermutlich auch noch größere Hallen füllen, aber für diese Musik braucht es dringend die Atmosphäre eines Clubs. Schon das Übel und Gefährlich ist eine Nummer zu groß, um die richtige Stimmung zwischen Musikern und Publikum zu erzeugen.


Die Musik war großartig. Die Show war exzellent. Zwar alles nicht mehr so intim wie im Knust im Dezember 2004, aber sehr energetisch. Als Melanie Pain allein für mich "In a Manner of Speaking" sang, hätte ich sie vom Fleck weg heiraten können. Ach...


Obwohl das Konzert nahezu alles richtig gemacht hat, merke ich doch, dass mir Konzerte immer weniger zusagen. Doofe Erkenntnis, da es früher für mich immer einer der großen Höhepunkte war, eine verehrte Gruppe live auf der Bühne zu sehen. Doch trotzdem gibt es ein paar Faktoren, die ich bei Konzerten einfach extrem störend finde.


Je größer der Veranstaltungsort, desto größer ist beispielsweise die Gefahr, dass Teile des Publikums die dargebotene Musik eher als Hintergrundberieselung verstehen, denn als zentrales Element des Abends. So wie zum Beispiel die beiden Kackbratzen links neben mir, die sich in unkonzertgemäßer Lautstärke über das Wochenende und die Beschwerlichkeit der Anfahrt unterhalten mussten. Das löst Unverständnis in mir aus. Zorn hingegen löst es aus, wenn Bratze Nr. 1 zusätzlich seine leeren Bierflaschen mangels einer geeigneten Abstellfläche aus Hüfthöhe auf den Boden fallen lässt. Mal vom Geräusch abgesehen, ist es einfach ätzend, in einem übervollen Club solche Dinge auf dem Boden herumliegen zu haben.


Eine Variation von Unterhaltungskonzertgästen sind Mitsing-, Klatsch-, Pfeif- und Schreigäste. Bin ich einfach nur langweilig und stockspießig, wenn ich bei einem Konzert nicht aus mir herausgehe und mit jeder Pore meines Körpers meiner Umwelt beweise, wie toll ich die Musik finde? Oder ist mein Genervtsein vielleicht verständlich, wenn bei den umwerfenden Schlagzeug- und Beckenarrangements der Nits bei "Sketches of Spain", bei denen es mir jedesmal kalt den Rücken herunterläuft, neben mir auf einmal die Ökomutti anfängt, mitzupfeifen? Muss man Melanie Pain, kaum, dass sie den letzten Ton hat verklingen lassen, ein "You are so great" entgegenbrüllen, wie vor zwei Wochen? Vielleicht kann man auch den Zauber dieser Stimme noch einen Moment auf sich wirken lassen. Ein wenig Demut vor großer künstlerischer Leistung wäre angebracht. Ist das zuviel verlangt von Leuten, die ihre kulturelle Sozialisation bei "Kult-Mega-Events" gewonnen haben, bei denen es ohnehin nicht auf die gebotenen Inhalte ankommt, sondern nur, dass man dabei war und diese Tatsache allein schon feierwürdig erscheint?


Außerdem sind mir Konzerte mittlerweile schlichtweg zu laut. Ohne Hörschutz geht es nicht. Seit ich aber vor einem Jahr meine hochspeziellen High-End Ohrstöpsel verloren habe und seitdem wieder auf die einfachen gelben Schaumstoffpfropfen umgestiegen bin, kann die Anlage im Saal noch so gut ausgesteuert sein -- es klingt einfach furchtbar. Aber ohne Schutz im Ohr geht gar nicht. Das ist schade.


Umso glücklicher bin ich, dass es in dieser Stadt auch Veranstaltungen wie das hoch geschätzte Kaffee.Satz.Lesen gibt, wo Leute mit ausreichend Feingefühl zusammenkommen und die -- wie die beiden letzten Lesungen gezeigt haben -- auch Platz für musikalische Beiträge bieten.

Kommentare:

Georg hat gesagt…

Von mir bekommst Du 100% Zustimmung. Abgesehen davon, dass mir Nouvelle Vague, die gestern in Stuttgart gastierten, aus bedauerlichen Gründen nicht vergönnt waren (und ich hochgradig neidisch bin), möchte ich einen der Gründe anmerken, warum ich ein großer Verehrer von Joe Jackson bin. Es gab eine Zeit, in der der Meister selbst reglementiert hat, wie sich das Publikum bei bestimmten Stücken zu verhalten hat. Niemals werde ich vergessen, wie JJ bei dem Konzert zur "Laughter & Lust" Tour 1991 in Münster diverse hochgradig intime Stücke (z.B. "50 Dollar love affair" von "Big World", eine der besten Platten aller Zeiten, übrigens live aufgenommen) höchstpersönlich abgebrochen hat, weil ein Großteil des Publikums meinte, mitklatschen und somit die Atmosphäre heimtückisch meucheln zu müssen. Ein solches Fehlverhalten seitens des Publikums kann natürlich nicht toleriert werden. Ich habe mich damals *diebisch* darüber gefreut.

Katherine hat gesagt…

Don't let a couple of chavs spoil your fun! After a long drought I've recently rediscovered live gigs and I'm convinced that the key is small venues. Robbie was the last nail in the stadium concert coffin for me (and this is the person who narrowly escaped being urinated on at a Rolling Stones concert at Wembley stadium back in the good old days so I'm fairly resistant to anti-social behaviour on such occasions) and the Kooks at the ZH Volkshaus were also rubbish, but I saw Skin, The Fratellis, Kasabian and the Trail of Dead (check them out if you don't know them) at very small clubs recently and they were all fantastic - going to see the Klaxons next week, Duke Special on March 23rd, the Long Blondes on the 25th and the Scissor Sisters on April 4th (admittedly at the Hallenstadion, but not going to be picky about that one!). Come to Züri and we'll show you how it's done! This is the advantage of living in the country's biggest city which is still tiny - all the good bands, but no huge venues for them. Incidentally, it's standard practice for earplugs to be handed out at concerts here - not that I've ever needed them and I'm quite sensitive to excess volume.

Or maybe you're just getting old. . . ;-))

Hajo hat gesagt…

Vielleicht hat es etwas mit Geschmack und Stil zu tun. Es gibt Momente, da braucht man einfach keinen Ton von sich zu geben. Aber mir klingt es bei Dir grad ein wenig zu rigide. Warum nicht mitklatschen, wenn's zur Stimmung paßt? [Mich nerven die sprichwörtlichen Eiswürfel, mit denen Hamburger Konzertbesucher in ihren Lederjackentaschen klimpern, nicht weniger.] Warum nicht mal in eine Pause brüllen, wenn es "in der Luft liegt". Aber zugegeben, es gibt viele, die weder für "Tonfall" noch Timing ein Gespür haben.
Mein Horrorerlebnis: Steps Ahead kamen in den 90ern nach Essen. Wir sind meilenweit für diese Jazz-Band gefahren. Die Musiker waren in Toplaune und alle saßen brav auf dem Boden, bis auf ... ein paar zu spät kommende Schlaumeier, die sich direkt vor den Bühnenrand stellten (zum Sitzen war ja kein Platz, da zu spät gekommen). Klar, was passiert: "HINSEEETZEEEN! HINSEETZENN!" schallte es von hinten und das minutenlang noch während des Konzerts. Ein Glück, dass Waffen in Deutschland a) verboten sind und b) nicht gleich zur Verfügung stehen.

bosch hat gesagt…

Derartige Begleitumstände können einem heißersehnte Konzerte manchmal richtig verleiden.

Es ist schon erstaunlich, dass manche Menschen sich für einen höheren zweistelligen Eurobetrag ein Konzertticket zulegen, um sich dann während der Darbietung mit ihrem Nachbarn lautstark zu unterhalten. Ich bin in letzter Zeit in derartigen Situationen immer so ungehalten und bitte die Störenfriede darum, die Konversation einzustellen oder vor der Tür fortzusetzen. Nicht nur weil es mich stört, sondern auch dem Künstler gegenüber äußerst unhöflich ist.

Ganz negativ aufgefallen sind mir in der letzten Zeit so irre Tanzfreaks, die selbst zu Balladen meinen, eine Fläche mit einem Radius von drei Metern für ihre rhythmischen Körperzuckungen banspruchen zu müssen.

Mein nächster Konzertbesuch wird wohl der Abschied von Blumfeld werden. Ich gehe aber davon aus, dass sich das Publikum angemessen verhält - schließlich ist es soetwas wie eine Beerdigung.

Alexander hat gesagt…

Georg: In "Kafkas Affe stampft den Blues" von Droste gibt es einen Text über eine Joe Jackson Konzert. Er bestätigt Deine Aussagen deutlich.

Katherine: Auf kleine Veranstaltungsorte lasse ich mich gerne ein. Je kleiner, desto besser. Gute Stimmung bei einem Konzert kommt ja nicht unbedingt durch eine große Menge Menschen, eher das Gegenteil ist der Fall. Ausführliches Programm übrigens, das Du Dir da vorgenommen hast.

Hajo: Kann es sein, dass der Unterschied zwischen uns ist, dass Du Musiker bist, der weiß, wie es ist, auf der Bühne zu stehen und auf das Publikum zu schauen? Da ist es natürlich viel toller, wenn die Leute abgehen, als wenn sie nur herumstehen und gebannt zuhören. Aber ich bin kein Musiker, ich brauche das nicht. Ich möchte der Musik zuhören, für Deppen live brauche ich keine teure Konzertkarte, da reicht mir meine HVV ProfiCard.

Bosch: Muss auch mal Mut beweisen und solche Dämlacks ansprechen. Viel Spaß bei Blumfeld! Ich werde nicht hingehen. Ich finde es nicht angemessen auf eine Beerdigung von Leuten zu gehen, die ich zu ihrer Lebenszeit kaum bis gar nicht wahrgenommen habe. Das wirkt so anbiedernd... :-)

Hajo hat gesagt…

p> >Kann es sein, dass der Unterschied zwischen uns ist, dass Du Musiker bist, der weiß, wie es ist, auf der Bühne zu stehen und auf das Publikum zu schauen? <<
Nee, das ist es nicht. Ich bin auch für Respekt vor Musik und ihren Feinheiten. Aber ich möchte nicht, dass aus jedem Konzert ein Gottesdienst wird. Das liebe ich ja gerade an der U-Musik, dass hier die Zuhörer "leben dürfen". Beispiel: Auf einem Pat Metheny Live Album spielt Lyle Mays ein langes Piano-Solo, eines der schönsten, die ich kenne. Es ist ein leises Solo und im Publikum mucksmäußchen still. Dann kommt ein Moment, wo er eine lange Pause einlegt, um einen "Gang hoch zu schalten". Das ist ein ganz besonderer Moment, wo auch die Zuhörer mal kurz Luft holen und jemand (so in etwa) "... that's always (oh-so?) right". Dieser Zwischenruf kommt ganz offensichtlich von Herzen und er gehört für mich zum Solo, er *muss* da sein.
So etwas sollte möglich sein ...

meint
Hajo

P.S.: Peinliche Brüllaffen, Rumquatscher und "Freestyle-Tänzer" sind übrigens auch von der Bühne aus gesehen ein Nervtöter ...