Sonntag, Juni 18, 2006

Kurzes Fernseh-Intermezzo

Vorgestern hat fast eine neue Ära bei mir begonnen. Ausgelöst durch die WM-Begeisterung regte sich der Wunsch in mir, auch Spiele zu Hause schauen zu können. Die "Public Viewings" in Kneipen oder auf dem Heiligengeistfeld sind ja immer sehr nett, aber ich will ja auch mal ein wenig Zeit zu Hause verbringen.



Was sollen die Dogmen? Nur weil ich seit 1993 keinen Fernseher mehr habe, heißt das nicht, dass es auf ewig so weitergehen muss. Fernsehen heißt ja heute nicht notwendigerweise, auch einen Fernseher in der Wohnung herumstehen haben zu müssen. Der Monitor tut's ja auch. Doch so schnell löst man sich ja nicht von Prinzipien. Bin eine knappe Woche in der Computerabteilung bei Saturn um die DVB-T Empfänger für den PC herumgeschlichen. Sind ja nicht richtig preiswert, diese Dinger. Aber nach der WM kann ich ihn ja wieder verkaufen, denn schließlich will ich gar keinen Fernseher haben.



Ohne Glotze zu leben, entrückt einen schon von sehr vielem. Die Phrase "So wie in der Werbung" lässt mich außen vor. Auch die ganze B und C-Prominenz der letzten Jahre ist weitestgehen an mir vorübergegangen. Wenn man diese Prominenten nicht aus dem Fernsehen kennt, kennt man sie nicht. Außerhalb des Mediums spielen sie keine große Rolle, was ihre Prominenz in einem sehr fahlen Licht erscheinen lässt.



Vorbereitet darauf, einen Kulturschock sondergleichen zu erleben, erstand ich am Freitag einen Fernsehempfänger als USB-Stick getarnt und packte ihn zu Hause aus.



Der erste Eindruck nach dem Sendersuchlauf war ernüchternd: Das Spiel Niederlande gegen Elfenbeinküste sah aus wie eine Stop-Motion Verfilmung eines Fußballspiels. Ungefähr so hat man früher die Bravo Foto-Love-Stories fotografiert. Ist eine interessante Art Fußbal zu sehen: Der Ton war makellos, aber man sah nur zwei Bilder pro Sekunde. Das lässt viel Spielraum für die Fantasie, denn man kann sich grob ausmalen, was in der Zwischenzeit passiert. Das Erlebnis glich eher bildunterstütztem Radio als Fußball. Das hatte ich mir anders vorgestellt, das waren nicht die Roboter, die ich gesucht habe.



Alle anderen Kanäle funktionierten ganz ordentlich. Lediglich die anamorph ausgestrahlten Fußballbilder wurden zerhackt dargestellt. Der schuldige ist eher meine schwer betagte Grafikkarte als der schlechte Empfang über die kleine Stabantenne.



Wenn's also nicht sein soll, bringe ich das Ding zurück. Man kann über Saturn sagen, was man will -- sie sind extrem kulant, was Retouren angeht. Das Gerät war ja einwandfrei, ich habe es benutzt und trotzdem bekomme ich ohne doofe Fragen den Kaufbetrag ausgezahlt. Kein Gutschein, kein Abwimmeln.



Die 80 Euro habe ich direkt in vertraute Medien wie DVDs und CDs umgesetzt. Damit kann ich umgehen. Und so habe ich die Episode "Fernsehen" nach nicht mal 24 Stunden wieder beendet. Zwar gibt's in Zukunft auch keinen Fußbal bei mir zu Hause, aber dafür auch keinen Kulturschock. Die Bohlens, Kerners und Christiansens dieser Welt erhalten nach wie vor keinen Zugang zu meinem Leben.



Gleich gehe ich los zum Fanfest, da schaue ich mir dann live und in Farbe Brasilien gegen Japan an. Und die stinkende GEZ kann mir nach wie vor den Buckel runterutschen.

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