Dienstag, April 03, 2007

Gerettet durch einen Rechtsanwalt

Ich hatte nicht viel vor an diesem Tag: am späten Vormittag zur Kontrolle zur Zahnärztin, mittags war ich in der Mensa verabredet. Es waren Semesterferien. Gute Gelegenheit, mal wieder auszuschlafen und sich vom anstrengenden Studium zu erholen.


Die Freundin hatte es nicht so gut, sie musste früh raus, in den Knast. Nicht wegen eigener Vergehen, sondern mit dem Anwalt, bei dem sie ein Praktikum machte, einen Klienten besuchen. Das war wohl der Momente im Jurastudium, in denen es ein wenig lebendiger zugeht. Leider aber auch morgens etwas zeitiger als für mich, den bummeligen Geisteswissenschaftler.


Wir hatten bei ihr übernachtet, in der WG, die sie mit drei anderen teilte. Freundlicherweise durfte ich noch ein wenig liegen bleiben, um nicht vor dem Zahnarztbesuch nochmal für eine Stunde nach Hause fahren zu müssen. Ich stand etwas später auf, putzte mir schnell die Zähne und wollte mich aus dem Staub machen, stellte aber fest, dass die Wohnungstür abgeschlossen war. Dreck. Die Mitbewohner. Sie wussten nicht, dass ich noch da war, waren gegangen und hatten die Tür abgeschlossen. Die Freundin und ich waren zwar dicke miteinander, doch wegen eines Vetos der Mitbewohner hatte ich keinen eigenen Schlüssel für die Wohnung. Ich war eingesperrt.


Schicksal. Ich begann, mich auf einen langen Tag allein einzurichten. Als erstes rief ich bei der Zahnärztin an und sagte den Termin ab. Nicht ohne Gelächter der Arzthelferin, als sie von meinem Unglück erfuhr. Danach rief ich in der Anwaltskanzlei an, doch die Freundin und der Anwalt waren schon unterwegs auf dem Weg in der Justizvollzugsanstalt. Man gab mir aber aufgrund der prekären Lage die Mobilnummer des Anwalts. Den kriegte ich glücklicherweise auch direkt an die Strippe. Er war kurz angebunden, reichte mich aber an die Freundin weiter. Auch sie hörte sich die Geschichte an, sagte, dass sie da auch nichts machen könne und ich solle mir einen schönen Tag machen.


Ich tat wie mir geheißen. Erstmal unter die Dusche. Während ich mich einseifte, klingelte es heftig an der Tür. Ich nahm es mit einem Schulterzucken hin, konnte ja ohnehin nicht aufmachen. Doch es klingelte häufig und heftig. Ein paar Minuten später klopfte es an der Tür. Mittlerweile leicht mit einem Handtuch bekleidet, fragte ich nach dem Begehr des Besuchers:


Schlüsseldienst! Ich mach Ihnen die Tür auf und tausche das Schloss aus!


Aber... aber... aber...


Kaum dass ich mich versah, war die Tür offen, der Mann vom Schlüsseldienst grinste mich an, drückte mir einen neuen Satz Schlüssel in die Hand und verabschiedete sich freundlich. Meine gestammelte Frage, wer ihn denn beauftragt habe, beantwirtete er bereits im Trepperuntergehen:


Der Rechtsanwalt!


Sprach's und war verschwunden. Ich war befreit! Vermutlich selten habe ich so dämlich aus der spärlichen Wäsche geschaut. Ich war ein freier Mann, konnte gehen und die Wohnung hinter mir lassen!


Nicht ganz. Schließlich hatte sich das Spiel gewendet. War ich vorher noch der einzige ohne Schlüssel, war ich nun der einzige mit Schlüssel für die Wohnung. Weder die Freundin, noch die Mitbewohner hätten die Chance, in die Wohnung reinzukommen, wenn ich nun gehen würde. Das alte Schloss war ausgebaut, deren Schlüssel wertlos.


Ungefähr so wertlos wie meine just wieder erlangte Freiheit. Dreck verdammter. Es war ungefähr das Jahr 1996, es hatte auch noch nicht jeder Student ein Mobiltelefon, sodass ich niemanden der Betroffenen hätte erreichen können.


Aus der Affäre rettete ich mich schließlich, indem ich die neuen Schlüssel in den Briefkasten der WG warf (mit einem erklärenden Briefchen) und einen Zettel an der Wohnungstür im fünften Stock befestigte, dass man doch bei der Rückkehr bitte in den Briefkasten schauen solle. Das half. Nun war ich wirklich frei.


Epilog


Weder die Mitbewohner noch die Hausverwaltung fanden diese Geschichte besonders komisch. Die Mitbewohner waren aber ohnehin sehr spaßbefreit, daher machte mir das nicht viel. Umso mehr Spaß hatte der Anwalt. Nachdem die Freundin ihm das Malheur nämlich berichtet hatte, lachte er sich krumm und erinnerte sich daran, dass ihm der Schlüsseldienst noch einen Gefallen schuldete. Ich weiß nicht mehr, ob der Anwalt Ärger bekommen hat, weil er ein Mobiltelefon mit ins Gefängnis genommen hatte. Das ist verboten, war mir aber an diesem Tag sehr recht.

1 Kommentar:

Torsten hat gesagt…

Den Ersatzschlüssel unter dem Blumentopf vor dem Haus kennt ja jeder, aber wir haben noch einen im Schlüsselkasten, der sich im Haus befindet!
Dann wäre allerdings Dein Tag nicht so spaßig geworden.